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Fundstücke & Deutung

Der Franks Casket: Runen, Bibel und Heldensage auf einem Kästchen

Ein angelsächsisches Kästchen verbindet christliche, römische und germanische Bildwelten. Was ist Befund, was bleibt Deutung?

Ein kleines Kästchen aus Walknochen versammelt Szenen aus sehr unterschiedlichen Erzählwelten: römische Gründungsmythen, biblische Geschichten und germanische Heldensage. Dazu kommen Texte in Runen, lateinischer Schrift und insularer Schrift. Das Franks Casket ist deshalb ein ungewöhnlich anschauliches Zeugnis dafür, wie Gelehrte im angelsächsischen England verschiedene Traditionen nebeneinander lesen konnten.

Was am Objekt gesichert ist

Das British Museum datiert die geschnitzte Schatulle in das frühe 8. Jahrhundert und ordnet sie der mittleren angelsächsischen Zeit zu. Sie besteht aus Walknochen; ihre fünf erhaltenen Bildfelder werden teilweise von Texten in Altenglisch und Latein begleitet. Das Museum beschreibt die Motive als Bezüge auf römische, jüdische, christliche und germanische Traditionen. Die Herkunftsgeschichte ist lückenhaft: Das Objekt wurde im 19. Jahrhundert in Auzon in Frankreich dokumentiert und später zerlegt.

Auch der heutige Zustand verlangt Aufmerksamkeit: Eine der Seiten, die im British Museum gezeigt wird, ist eine Replik. Das Original befindet sich im Museo Nazionale del Bargello in Florenz. Schon diese Objektbiografie mahnt dazu, zwischen dem mittelalterlichen Werk, seiner späteren Überlieferung und modernen Rekonstruktionen zu unterscheiden.

Befund und Deutung: Schnitzereien und Inschriften sind am Objekt beobachtbar. Welche Beziehungen zwischen den Szenen beabsichtigt waren, ist eine Forschungsfrage. Die Deutung des Kästchens ist nicht in allen Einzelheiten geklärt.

Runen neben lateinischer Schrift

Die Inschriften sind nicht bloß dekorative Beigaben. Sie benennen oder kommentieren Bildszenen und nutzen verschiedene Schriftsysteme. Auf einer Seite stehen Runen; andere Texte verwenden lateinische oder insulare Buchstaben. Das zeigt, dass Runenschrift und christliche Gelehrsamkeit im frühen Mittelalter nicht als zwei vollständig getrennte Welten verstanden werden sollten. Ein Schriftzeichen allein verrät allerdings weder die Religion des Schnitzers noch die des Auftraggebers.

Wer Runen auf einem Gegenstand sieht, sollte daher zuerst nach Datierung, Fundgeschichte, Textinhalt und Funktion fragen. Unser Beitrag Runen und Christentum erklärt, weshalb Schriftform und religiöse Zugehörigkeit nicht automatisch gleichgesetzt werden können.

Eine Bildwelt ohne einfache Trennlinie

Auf dem Kästchen stehen christliche Motive und Erzählungen aus der germanischen Überlieferung nebeneinander. Das bedeutet nicht, dass alle Geschichten dasselbe aussagen oder dass wir daraus ein einheitliches Glaubensprogramm ablesen können. Forschende haben vorgeschlagen, einzelne Bildfelder als bewusste Gegenüberstellungen zu verstehen. Das British Museum hält zugleich fest, dass eine solche Deutung nicht für das gesamte Bildprogramm sicher nachweisbar ist.

Gerade diese Zurückhaltung macht den Fund interessant: Er zeigt, dass christliche Kultur nicht in einem leeren Raum entstand. Menschen konnten Wissen aus Bibel, Antike und mündlicher Erzähltradition in ein neues Werk einbringen. Solche kulturellen Übersetzungen passen zu dem längerfristigen Wandel, den wir im Überblick Wie wurden germanische Gruppen christlich? beschreiben.

Was das Franks Casket nicht beweist

Der Fund belegt vielmehr, dass ein hochgebildetes Werk unterschiedliche Erzählstoffe und Schriftsysteme zusammenführen konnte. Ähnlich vorsichtig sollte man auch bei anderen Mischformen aus der Übergangszeit vorgehen. Ein Vergleich bietet unser Beitrag Thorhammer und Kreuz; dort geht es um einen Gussformfund, der ebenfalls mehr als eine mögliche Lesart zulässt.

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Quellen